UMGANG MIT DER PRESSE BEI HÖHLENUNFÄLLEN

Auf einer alten Festplatte wiederentdeckt. Der Text ist zwar schon  viele Jahre alt, ist aber bis heute aktuell:

UMGANG MIT DER PRESSE BEI HÖHLENUNFÄLLEN

Spätestens, wenn ein Höhlenunfall zu einer „öffen­tlichen Angelegenheit“ wird, wenn also Polizei und Feuerwehr verständigt sind und das Rote Kreuz ausgerückt ist, taucht am Unfallort in deren Ge­folge auch die Presse auf. Spontane und verständ­liche Reaktion bei den meisten Rettern: man versucht, abzuwimmeln („Hier gibt es nichts zu se­hen“,  „Wir sagen nichts“) – ein Versuch, der je­doch hundertprozentig fehlschlägt. Die Journalis­ten packen nämlich daraufhin keineswegs zusam­men, um unverrichteter Dinge wieder abzuziehen, sondern versuchen, aus anderen Quellen Informa­tionen zu beschaffen. Da werden Anlieger und Dorfpolizisten befragt. Gierig wird jedes Wort auf­geschnappt und im Zweifelsfall falsch interpre­tiert. Eine „Story“ kommt so allemal zustande, und sei der Inhalt noch so abstrus. Die bei längeren Rettungsaktionen rasch anwachsende  Schar der Journalisten ist schließlich nur noch mit Mühe von den Schauplätzen fernzuhalten, es sind um­fangreiche Absperrungen erforderlich, kurz: der Ärger ist durchweg größer, als wenn man von vornherein auf die Informationswünsche der Presse eingegangen wäre.

Es ist müßig, darüber zu streiten, ob eine Höhlen­rettung eine Angelegenheit von öffentlichem In­teresse ist, oder nur eine Privatangelegenheit, die keinen Außenstehenden etwas angeht. Sicher ist: Höhlenunfälle sind für die Presse ein reizvolles Thema, verbinden sich doch hier Dramatik und der exotische Reiz des Ungewöhnlichen zu einer Mi­schung, aus der sich die schönsten Schlagzeilen destillieren lassen („Vier junge Deutsche warten in der Mordhöhle auf den Tod“). Schließlich bie­ten Höhlenrettungsaktionen dem Lokal- und Re­gionalredakteur die Gelegenheit, den „kritischen Journalisten“ herauszukehren, der in der täglichen Arbeit oft genug unterdrückt wird. So starke Worte wie nach der Mordloch-Aktion („Zahlen sollen sie, zahlen! „) sucht man sonst in Leitartikeln vergeblich.

Versetzen wir uns in die Lage des vor Ort erschie­nen Lokal-Reporters: Im Normalfall weiß er fast nichts über Höhlen, sein persönliches Interesse ist relativ gering. Er hat sehr wenig Zeit und möchte einen möglichst langen, spektakuären Artikel abliefern.

Dabei ist es ihm relativ gleichgültig, womit er seine Zeilen füllt, zumindest, soweit es über die Basisfakten Wer, Wo, Was, Wann, Warum hinaus­geht. Der  durchschnittliche, nach Zeilen bezahlte Lokalreporter wird die wissenschaftliche For­schungsgeschichte einer Höhle mit derselben Freude in seinem Artikel verarbeiten, wie die Schilderung eines 80jährigen Anwohners über sei­ne Jugenderlebnisse „in dem Loch“ – für ihn be­steht da kein grundsätzlicher Unterschied.

Da er wenig Zeit hat, wird er die Informationen dort vor allem aufgreifen, wo sie ihm am leichtesten geboten werden.  Wenn ein Rettungsteam also verhindern möchte, daß Unzutreffendes, Ab­surdes, ja sogar der Höhlenforschung Schädliches in den Zeitungen erscheint. Wenn es Wert darauf legt, daß über die Verunglückten, die Retter und die Höhle sachlich berichtet wird, so muß es den Journalisten eine Informationsquelle Erster Ordnung zur Verfügung  stellen, kurz: es muß ein Pressesprecher benannt werden.

Für die Arbeit des Pressesprechers lassen sich einige Grundsätze formulieren:

  1. Zentrale Pressearbeit für die gesamte Rettungsaktion

Gleich zu Beginn der Rettungsaktion sollten sich alle Beteiligten auf einen Pressesprecher einigen;  der allein Informationen an die Presse gibt. Eine  separate Informationspolitik der beteiligten Grup­pen (Feuerwehr, Rotes Kreuz, Höhlenforscher) führt nur zur Verwirrung und zu Fehlinformationen Die Person des Pressesprechers muß allen Beteilig­ten bekannt sein. Er sollte sich ausschließlich um die Pressearbeit kümmern und keine anderen Funktionen haben.

Wichtig bei der Auswahl: Der Pressesprecher muß a) sachkundig sein und b) nicht dazu neigen, sich aus Eitelkeit selbst in den Vordergrund zu schieben.

  1. Nur ein informierter Pressesprecher kann gute Pressearbeit leisten

Journalisten akzeptieren nur einen gut informierten Pressesprecher als Informationsquelle. Wenn er häufig auf Fragen passen muß, suchen die Reporter  andere Informanten. Der Pressesprecher sollte daher an allen Lagebesprechungen teilnehmen und an den Gesprächen im innersten Führungsstab einer Rettungsaktion beteiligt sein.Er sollte die Kompentenz haben, selbst zu entscheiden, welche Informationen er weitergibt: ln Zweifelsfällen (falls tatsächlich eine Informationssperre notwendig ist) sollte sich die Rettungsleitung kurz über die Pres­seinformation verständigen.

3. Offensive Information schafft Vertrauen

Im Allgemeinen hat es keinen Sinn, Informationen zurückzuhalten oder die Journalisten mit falschen oder halben Informationen hinzuhalten. Geheimniskrämerei gibt nur unnötigen Spekulationen Nahung, die schlagartig aus den Meldungen verschwinden, sobald „harte“ Fakten geboten werden. Eine offene Pressearbeit schafft Vertrauen zwischen den Journalisten und dem Rettungsteam, was sich nur positiv auf die Berichterstattung aus­wirken kann. lst ein solches Vertrauensverhältnis hergestellt, sind die Journalisten zumeist bereit,  auf die Wünsche des Rettungsteams einzugehen – etwa Spendenaufrufe abzudrucken oder Tropfsteinvorkommen nicht zu erwähnen).

4. Arbeitsunterlagen bereitstellen

Wenn wir verhindern wollen, dass durch Mißver­ständnisse oder Schreibfehler Falschinformationen in die Welt gesetzt werden müssen wir den Journalisten zuverlässige schriftliche Unterlagen in die Hand drücken: Ein solcher „Waschzettel“ sollte alle wichtigen Fakten enthalten und zwar in kompakter, übersichtlicher Form. Ein gut gema­chter Waschzettel kann die Berichterstattung in allen Medien in eine gewünschte Richtung len­ken –  man kann das beklagen, aber es ist so.

Wenn in dem Waschzettel alle wichtigen Informa­önen enthalten sind und alle offenen Fragen be­antwortet werden wird ein GroßteiI der Journa­listen auf weitere Recherchen verzichten und sich in der Berichterstattung nur auf den Waschzettel stützen.

Der Waschzettel sollte enthalten: (ruhig im TelegrammstiI)

Generell : Geraue Orts-, Zeit-,  Namensangaben.

Im Einzelnen: Schilderung der Höhle, der verun­glückten Forschergruppe und ihrer Ziele (was wollten sie in der Höhle?),  des UnfaIIhergangs, der eingeleiteten Rettungsmaßnahmen (für die Lokalzeitungen sind genaue Namensangaben erforder­lich). Prognose der Rettungsaussichten (mit Quellenangabe, ggf. mit kurzem Zitat)

Als Hintergrundinformation: Allgemeine Erläute­rungen über Höhlenforschung (Motive, Ergebnisse) Informationen über andere vergleichbare Rettungsaktionen.

Besonders Lokal- und Boulevard-Zeitungen neigen bei „Human -Touch“-Themen zur Personalisierung. Der Waschzettel sollte daher Angaben über die wesentlichen Retter und Zitate von ihnen enthal­ten. Man sollte sich rechtzeitig darüber verständigen, wen man als „Retter“  „aufbauen“ möchte und wer unerwähnt bleiben kann. Es ist sicher bes­ser, wenn eine solche Frage unter Höhlenforschern offen diskutiert wird, als wenn man die „Glorifizierung“ dem Zufal l überläßt.

Zu diskutieren wäre, wie sich der „Personenkult“ auf ein Minimum re­duzieren läßt. In vielen Fällen wird sich die her­ausragende Rolle einzelner Helfer von allein er­geben.

Das Hauptproblem wird in den meisten Fällen die Vervielfältigung des Waschzettels sein (an welcher Höhle gibte es schon eine Photokopierer?).  Ein Notebook und ein Drucker sollte man zur Verfügung haben.  Ein bis zwei Hilfskräfte, die mit der übrigen Ret­tung nichts zu tun haben, sind von Vorteil.

Helle Begeisterung wird man bei den Journalisten auslösen, wenn man Fotos oder Skizzen der Höhle oder der UngIücksstelle besorgen kann. Für Fotos oder Zeichnungen können Fotograf und Grafiker Honorar verlangen. Der Pressesprecher sollte aller­dings jeden Anschein vermeiden, daß er für seine Arbeit honoriert werden möchte. Einlaufende Bild­honorore könnte man einem Rettungsfonds zuflies­sen lassen (nur mal als Vorschlag). Dazu muß das BiId einen Copyright-Vermerk tragen und die An­gabe einer Kontonummer („Abdruck gegen Honorar und Belegexemplar gestattet. Gustaf MüIIer, Baum­str.7, 1324 Tupfingen, Kto. Nr. 23487 bei ABCD­Bank Tupfingen“)

  1. Pressekonferenzen abhalten, sobald neue Informationen vorliegen

Pressekonferenzen sind die effizienteste Form,  Informationen zu verbreiten. Die Journalisten sind von Parteien und Verbänden gewohnt, dabei mehr oder minder gut bewirtet zu werden. Man sollte ihnen daher erklären, wieso man dafür kein Geld hat (vielleicht geben sie aus Rührung einen aus).

Der Pressesprecher erläutert in der „Preko“ (offizielle Abkürzung) den aktuellen Stand der Rettung und beantwortet Fragen. Wenn möglich oder erforderlich kann man in der Preko die Journalisten mit einem kompetenten Gesprächspartner zusammenbringen  (Retter, der gerade aus der Höhle kommt / Leiter der Aktion soweit der nichts Wich­tigeres zu tun hat / Geretteter, faIIs der wiIlens

und in der Lage ist).  Exklusivinterviews mit einzelnen Personen sollte man nur vermitteln, wenn man sich wirklich etwas davon verspricht. Extrawürste sind im Allgemeinen zu vermeiden. (Etwas anderes sind ExklusivschiIderungen nach der Rettung, mit denen sicher eventuell die Kosten zum Teil wieder eintreiben lassen).

  1. Jedem die Arbeitsmöglichkeiten verschaffen, die er benötigt

Größere, spektakuläre Höhlenunfälle ziehen zu­meist Journalisten aus größeren Medien an, von Zeitungen, Zeitschriften, Funk und Fernsehen. Während die schreibende Presse lediglich mit Notizblock und Bleistift erscheint und für die Weitergabe ihrer Artikel nur ein Telefon benötigt (der Pressesprecher sollte wissen, wo die nächsten Anschlüsse sind), stellen sich für Funk und Femse­hen weit größere Probleme.  Der Hörfunk wird sich für seinen Übertrugungswagen selbst einen geeigneten Standort suchen. Für Interviews benütigt er einen redegewandten Gesprächspartner und eine akustische Kulisse (Wasserrauschen am Höhleneingang, Rufe von Helfern, Hall im Höhlenportal).  Man sollte ihm die Möglichkeit geben, seine Auf­nahmen an einem geeigneten Ort zu machen. Fotografen und Kameraleute haben den Drang, möglichst nah ans Geschehen zu kommen. Wenn man sie dort nicht gebrauchen kann,weil sie nur stören würden,  ist es nicht mit einer Absperrung getan. Man sollte ihnen eine Alternative anbieten, einen Ort, von dem aus sie ohne lästig zu werdlen, alles überblicken können.

Größtes Problem der Pressearbeit dürfte sein, was man mit den Journalisten macht, wenn es gerade nichts Neues zu berichten gibt, ob man ihnen ei­nen Raum anbieten kann, wo sie warten, schreiben, tefefonieren oder nachdenken können. Bei Höhlenunfällen in besiedelten Gegenden legt man das „Pressezentrum“ (kann man so nennen,da Übertreibung zur Branche gehört) sinnvollerweise in das nächste Gasthaus.  Den Journalisten sollte klargemacht werden, dass alle Informationen von hier  kommen, daß hier der Treffpunkt ist für gemeinsame Ortstermine, es also keinen Sinn hat, auf eigene Faust  in der Nähe der Unglücksstelle herumzulaufen (was einige trotzdem tun werden).

Schwieriger wird die Unterbringung der Journalisten bei bei zivilisationsfernen Höhlen. Optimal wäre in solchen Fällen wohl ein Pressezelt (mit Hinweistafel) – möglicherweise ist diese Idee jedoch etwas utopisch.

So oder so – man sollte sich in jedem Fall überle­gen, wo die Journolisten sich aufhalten sollen und wo der Pressesprecher für sie erreichbar ist.

  1. Lokalprominenz beachten

Mit Sicherheit tauchen an der Unglücksstelle Vertreter der Koinmunalpolitik auf. Es ist un­bedingt erforderlich, zu diesen Lokalgcößen einen guten Kontakt herzustellen und ihr Auftreten den Lokalredakteuren mitzuteilen. Kommunalpolitiker, die sich übergangen fühlen, neigen nach Höhlenunfällen zu den eigenartigsten Reaktionen („zumauern“).  Erscheinen sie hingegen im Zusammenhang mit einer Höhlenrettung in der Zeitung (möglichst mit Foto) werden sie die Höhlenforscher in angenehmster Erinnerung behalten. Der Pressesprecher sollte deshalb die lokalen politischen Verhältnisse kennen (oder sich rasch sachkundig machen) und wissen, wer „wichtig“ ist.

 

Zusammenfassung

Zentrale Presseinformation = Benennung eines Pressesprechers, der nicht mit dem Rettungsleiter identisch ist.

Der Pressesprecher muß

fachkundig sein (also Höhlenforscher)

die lokalen Gegebenheiten kennen oder sich Kenntnisse schnell aneignen

Informationen schriftlich fixieren (Waschzettel)

Der Waschzettel.gibt Antwort auf die Fragen  „Wo, Wann, Was, Wer, Warum“, nach dem eingeleiteten Massnahmen und nach den Rettungschancen (Allerdings Vorsicht mit negativen Prognosen, eher Optimismus verbreiten).

Wer:  Keine (Ab)Wertung der Verunglückten, höchstens Unterscheidung in Erfahrene und NeuIinge. Solidarisches Verhalten mit Verunglücktem. Keine Verurteilung oder  Spekulationen über Schuld.

Wo: Informationen zur Höhle geben. Da Höhlenpläne für Journalisten zu abstrakt sind besser grobe Detailskizzen anfertigen.

Wann: Uhrzeiten aller Aktionen

Was: Unfallhergang, weitere Maßnahmen mit Angabe der Beteiligten. Keine Spekulationen,  Fakten, Fakten, Fakten  ! ! !

Warum: Motivation der Höhlenforschung, Wissenschaft ist immer ein Abenteuer, ein Vordringen in Unbekanntes, nicht ohne Risiko, aber mit der Aussicht auf erstaunliche Erkenntnisse etc.

Als Prognosen sollte man optimistische Aussagen machen. Hinweis auf vergleichbare geglückte Aktionen. Wenn  Retter aus der Höhle kommen: Journalisten fernhalten und auf Preko verweisen.

Unabhängig von Unfällen sollte sich jede Gruppe einen Öffentlichkeitsarbeiter zulegen, nicht für mehr, sondern für eine bessere Berichterstattung  über Höhlen. Die Pressesprecher könnten bei Unfällen aus diesem Kreis rekrutiert werden.

Sorgfältige Pressearbeit ist keine unnütze Belastung des Rettungsteams, sondern schützt vor  vermeidbarem Ärger!

Bernd Kliebhan, Münzenberg

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